Janusz-Korczak-Haus Deutsch-Polnische Gesellschaft Bremen e. V.

Janusz-Korczak-Haus - Osterdeich 6 - 28203 Bremen

 
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Das Archiv - Rundbriefe

Rundschreiben Nr. 4 - Dezember 2003



Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde!

"Ich empfinde es als großes Glück, dass wir Deutschen heute in einem friedlichen Europa leben, umgeben von Freunden. Nie waren die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen so eng und so freundschaftlich wie heute. Diese Freundschaft ist nicht einfach durch Verträge und Abkommen gewachsen. Sie lebte und sie lebt vom Versöhnungswillen und vom Engagement der Menschen in beiden Ländern. Wir müssen uns das gelegentlich in Erinnerung rufen - auch und gerade, wenn unsere Beziehungen heute so normal erscheinen und mancher glaubt, wir könnten uns im Gespräch miteinander nun auch einmal schrillere Töne leisten. Die Versöhnung ist eine dauerhafte Aufgabe, die nie abgeschlossen ist und um die wir uns ständig wieder bemühen müssen. Die Menschen, die sich wirklich für die deutsch-polnische Freundschaft eingesetzt haben, wussten das."

So sprach Bundespräsident Rau anläßlich der Verleihung des Erich-Brost-Preises an die Städte Danzig und Bremen für die seit 27 Jahren bestehende Partnerschaft. In unserer Stadt fühlte man sich geehrt. Die Bürgermeister nahmen den Preis entgegen, der Domchor sang, und etliche Kulturbeflissene waren auch dabei. Doch irgendwie war ein Gefühl der Betroffenheit zu spüren - bei denen, die finden, daß es sie auch angeht!

So schrieb uns ein Ehepaar, Mitglied unserer Gesellschaft, seine Sicht der Dinge, gleichermaßen an eine Bremer Tageszeitung als Leserbrief. Wir zitieren aus diesem Brief auszugsweise:

"Nur - wo (bei der Verleihung) waren die Vertreter der Organisationen, die über Jahre den Menschen in Polen halfen, als Not herrschte, die AWO, das Rote Kreuz, die Caritas, der ASB? Wo waren die Vertreter der Pfadfinder, der Jugendverbände, der Sportvereine, die einen lebendigen Kontakt zwischen der deutschen und polnischen Jugend herstellten und weiterhin pflegen? Vermissen mußte man auch Vertreter unserer Deutsch-Polnischen Gesellschaft, die all die Jahre politische und solidarische Hilfe leistete und unter deren Organisation im Jahre 2001 eine große Bürgerreise nach Danzig stattfand, die ein Jahr später von Danziger Bürgern nach Bremen erwidert wurde?

Wir haben an der Bürgerreise nach Danzig teilgenommen und wissen, daß Verständigung und Befriedung in der menschlichen Begegnung, im gegenseitigen Kennen- und Verstehenlernen, durch solidarisches Handeln stattfindet! Das sollte bei all den Feierlichkeiten nicht vergessen werden!"

So ist es.


Sehr geehrte Mitglieder der Deutsch-Polnischen Gesellschaft,

wir sind Studenten aus Polen. Wir heißen Anna Chojnowska und Piotr Pawlaczyk. Anna studiert Touristik und Rekreation an der Akademie für Körpererziehung und Sport in Danzig. Piotr studiert Medizin an der Medizinische Akademie. Wir wurden als Stipendiaten von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen eingeladen, um an dem Internationalen Ferienkurs der Hochschule Bremen teilzunehmen.

Am 11. August sind wir in Bremen angekommen und von Professor Reichel sehr herzlich begrüßt worden. Am nächsten Tag fing unser Sprachkurs an. Wir schrieben einen Test, um unsere Sprachkenntnisse zu prüfen. Es gab vier Sprachgruppen: Grundstufe, Mittelstufe 1, Mittelstufe 2 und Oberstufe. Wir wurden der Oberstufe zugeteilt. Die Sprachkenntnisse in diesen vier Gruppen waren sehr verschieden. Es war lustig, dass in der Oberstufe deutsch gesprochen wurde, in Mittelstufe 2 deutsch und englisch, in Mittelstufe 1 englisch und in der Grundstufe japanisch. Daraus kann man die Zusammensetzung der Teilnehmer und die vorhandenen Sprachkenntnisse ablesen. Der Unterricht an der Hochschule Bremen fing jeden Tag um 9.00 Uhr an. Der Hauptunterricht dauerte bis 12.30 Uhr. Danach hatten wir eine Pause um Mittag zu essen und das Internet zu benutzen. Um 14.00 Uhr hatten wir meistens zusätzliche Vorträge bzw. Grammatik, Phonetik und Konversationsübungen. Diese dauerten in der Regel bis 17.15 Uhr. Während des Unterrichts lasen wir manchmal Zeitungen und sprachen über aktuelle Themen der Welt. Das war sehr interessant und wir konnten neuen Wortschatz erlernen. Jeder in der Oberstufe musste ein Referat vorbereiten und dann im Unterricht vortragen. Am häufigsten schrieben wir unsere Referate über Themen, die mit unseren Studienfächer verbunden sind. Nach dem Unterricht, abends trafen wir uns mit anderen Teilnehmern des Kurses, die aus der ganzen Welt kamen (England, Italien, Russland, Schweiz, Japan, Brasilien, Mexiko, USA, usw.). Wir verbrachten zusammen eine angenehme Zeit. Ein paarmal wurden wir von anderen zur Geburtstagspartys eingeladen. Die Mädchen aus Italien kochten Spaghetti, Pasta und natürlich Pizza. Das war ein traditioneller, italienischer Abend. Einmal waren wir alle im Kino. Jeden Dienstag nahmen wir am Tanzkurs teil und tanzten Rumba, Salsa und ChaCha. Wir hatten viele Möglichkeiten die Zeit nett zu verbringen, nur hatten wir nicht immer genug Zeit. An den Wochenende hatten wir viele Ausflüge. Wir waren in Bremerhaven, Hamburg, Worpswede und auf Helgoland. Am 4. September erfolgte die Verabschiedung und wir bekamen die Abschlusszertifikate. Am Abend gab es unsere letzte Party, die Abschlussparty. Die Zeit ist sehr schnell vorbeigegangen und wir mussten nach Hause zurückfahren.

Wir möchten uns bei Ihnen sehr herzlich bedanken. Wir sind sehr dankbar, daß wir von Ihnen diese Möglichkeit bekommen haben.

Anna Chojnowska und Piotr Pawlaczyk


Zum ersten Mal Hilfe für Kinder

Wir haben die Möglichkeiten der Unterstützung für Kinder in Not über Danzig hinaus ausweiten können. Der Schatzmeister unserer Gesellschaft, "Pan Zygmunt Loppe", hat Kontakt zu der Gemeinde seiner Heimat im äußersten Nordosten Polens, in der Woj. Suwalki. Dort konnten wir durch die Vermittlung des Pfarrers hörgeschädigten Kindern bei der Beschaffung von Hörgeräten behilflich sein. Eltern, Pfarrer und der Verband hörgeschädigter Kinder schrieben uns: "Wir danken Ihnen sehr herzlich für Ihre finanzielle Hilfe bei der Anschaffung von Hörgeräten für unsere Kinder. Wir sind sehr dankbar und gerührt, weil es das erste Mal in der Geschichte unseres Zentrums war, daß uns eine solche finanzielle Hilfe zuteil wurde. Wir hoffen, daß Sie auch in Zukunft an uns denken werden."

Wir werden alles daran setzen, daß es nicht bei diesem einen Mal bleibt.


Z przyjemnoscia - mit Vergnügen!

Mit Musik und Gesang, Literatur und der Jugendband der Katholisch-Polnischen Mission wurde das Deutsch-Polnische Fest im Janusz-Korczak-Haus gefeiert. Es war sehr erfrischend, mit welcher Hingabe und Selbstverständlichkeit, mit welcher Herzlichkeit und Wärme musiziert, rezitiert und applaudiert wurde. Schon lange wurde nicht mehr so viel erzählt, sich umarmt, genußvoll miteinander geplaudert und zusammen gelacht, so daß auch etwas distanziertere "coole" Norddeutsche oder deutsche und polnische Gäste, die sonst auf political correctness achten, offen, neugierig und freundschaftlich miteinander Pläne schmiedeten oder sich von den slawischen Klängen mitreißen ließen. Ob mit dem neuen Vizekonsul des Generalkonsulats der Republik Polen Jerzy Kaczmarek über Kultur, ob mit Mitgliedern anderer deutsch-polnischer Gesellschaften aus Soltau, Verden oder Achim über Erfahrungen in Polen oder Erlebnisse der Polen mit Deutschen - Freundschaft und Verständigung waren nicht nur hehre Worte: Do widzenia, do rychlego zobaczenia: Auf Wiedersehen, bis bald! Dziekuje bardzo: vielen Dank! an die Jugendband der Katholisch-Polnischen Mission, Dziekuje, wzajemnie: Danke, gleichfalls an alle, die zum Gelingen des Abends beigetragen hatten.



Deutsch-Polnisches Fest


Die Geschichte von einem Auto und anderem

Pawel Huelle, Schriftsteller aus Danzig, las aus seinem gerade erschienenen Buch "Mercedes Benz - aus den Briefen an Hrabal", in polnischer und deutscher Sprache: hinreißend, komisch, traurig und klug. Er las und erzählte von der Liebe, der Geschichte und Gegenwart, der Familie und darüber, welche Rolle Autos, speziell der Mercedes des Großvaters, darin spielen, und eine Hommage an Bohumil Hrabal, den großen tschechischen Schriftsteller. Die Frankfurter Allgemeine schreibt: "Pawel Huelles Prosa besticht durch ihre liebevolle Milieu- und Charakterzeichnung, eine Art Milchglasoptik, die sogar der düsteren Wirklichkeit etwas Balladenhaftes verleiht." Auf Deutsch sind von Huelle die Erzählungen "Schnecken, Pfützen, Regen", die Feuilletons "Verschollene Kapitel" und "Silberregen, Danziger Erzählungen" erschienen.


Santa Claus in Danzig

Nikolaus war der Schutzheilige der Schiffer, der Kinder und der unschuldig Bedrängten, der Kaufleute und der Bäcker. Und auch in Gdansk kennt man ihn, allerdings unter dem Namen Santa Claus. Und auch dort stellen die Kinder am 6. Dezember einen Schuh unter das Bett oder vor die Haustür und hoffen auf süße Gaben am anderen Morgen. Nicht so, und das erfuhren wir bei unserem letzten Besuch, in den von uns betreuten Kinderheimen. So stellten wir die Mittel zur Verfügung, mit denen unsere Freunde der Polnisch-Deutschen Gesellschaft Danzig am Nikolaustag "unsere" Heime besuchten und jedem Kind eine von ihnen hübsch gepackte Gabe überreichen konnten. Die Freude war groß. Das Nikolauslaufen, wie in Bremen fast überall in Nordwestdeutschland bis auf den heutigen Tag unvermindert beliebt bei den Kindern, kennt man übrigens in Danzig nicht.

Wie heißt es doch in einem der Liedchen, die die Kinder bei ihren Touren durch die Geschäfte singen: "Ik bin so`n lüttjen König, geevt mi nich so wenig. Laat mi nich so lange staan, denn ik mutt noch wider gaan!" Wenn es dann etwas gegeben hatte, hieß es als Dank: "Halli, halli, hallo, nu geit`t na Bremen to!"

Unserem Rundbrief liegt ein Prospekt bei, in dem wir um eine Spende für diese Kinder bitten.


"Zentrum gegen Vertreibungen"?

Über die Vertreibung der Deutschen und Polen nach 1945, hervorgerufen durch ein mögliches "Zentrum gegen Vertreibungen", wird seit Monaten erbittert in Deutschland und Polen diskutiert und großer Schaden angerichtet in den deutsch-polnischen Beziehungen. "Wunde Punkte", Verdrängungen, traumatische Erfahrungen von Flucht und Vertreibungen auf beiden Seiten kommen an die Oberfläche und werden populistisch in den Medien genutzt.

Alarmiert durch diese regressive Entwicklung hat sich spontan eine Arbeitsgruppe in der DPG formiert, die die Debatte um die mögliche Entstehung eines "Zentrums gegen Vertreibungen" diskutiert. Die Arbeitsgruppe ist sich einig, daß das gute, von unten gewachsenen Verhältnis zu den östlichen Nachbarn weder innenpolitisch mißbraucht, noch einer nationalistischen Betrachtung ausgeliefert werden darf, sondern in einem gemeinsamen historischen wie aktuellen Konsens von Menschen aus beiden Ländern entwickelt werden muß. Abgelehnt wird von allen Beteiligten Berlin als Standort. Unterschiedlich vertreten werden begründete europäische Alternativen an einem historisch unbelasteten Ort, bzw. ein Weltzentrum. Einige sind ganz gegen ein "Denkmal" oder "Museum", sondern plädieren sehr für eine lebendige europäische Begegnungsstätte, die diese historischen Erfahrungen vermittelt, Erinnerungs- und Zukunftspolitik gerade auch mit jungen Menschen, Schülern diskutiert, informiert und gestaltet.

Es wurde beschlossen eine Veranstaltungsreihe ins Leben zu rufen, die historische Erfahrungen, Erinnerungen und Zukunftskonzeptionen versachlicht, auf einer europäischen Ebene denkt, vermittelt und gestaltet. Kooperationspartner sind die Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen, die Landeszentrale für politische Bildung, die Hochschule und die Universität Bremen.

Zur Auftaktveranstaltung am 29. November referierten Prof. Dr. Jerzy Holzer aus Warschau, Leiter der Abteilung für Deutschlandforschung am Institut für Politische Studien, Prof. Dr. Imanuel Geiss, Historiker, Universität Bremen, und Prof. Dr. Wolfgang Schlott von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universtät Bremen. Das Thema hieß "Vertreibung als ein Teil der Tragödie des 20.Jahrhunderts" aus polnischer und deutscher Sicht.



Wir wünschen Ihnen allen
ein frohes Weihnachtsfest
und ein friedvolles
und gutes Jahr 2004




Verantwortlich: Reinhold Stiering, Brokmerländer Str. 12 - 28259 Bremen - Tel. 51 36 61 - Fax 51 43 663

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