Janusz-Korczak-Haus Deutsch-Polnische Gesellschaft Bremen e. V.

Janusz-Korczak-Haus - Osterdeich 6 - 28203 Bremen

 
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Das Archiv - Rundbriefe

Rundschreiben Nr. 1 - März 2004



Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde!

Ist es die monatelange erbittert in Deutschland und Polen geführte Mediendiskussion um das "Zentrum gegen Vertreibungen", die in den deutsch-polnischen Beziehungen großen Schaden angerichtet hat? Ist es die aktuelle Sorge um die deutsch-polnische Verständigung, auch im Zuge des EU-Beitritts 2004? Oder ist es der Informationsbedarf zu einem Thema, das lange verdrängt wurde und "wunde Punkte" von Flucht und Vertreibung, die bis heute vielen Völkern in Europa gemeinsam ist, anspricht?

Es kamen viele junge und alte Menschen ins Janusz-Korczak-Haus zur Auftaktveranstaltung der Veranstaltungsreihe "Deutsch-polnische Zusammenarbeit - Partner in Europa". Aus polnischer Sicht sprach Prof. Dr. Jerzy Holzer aus Warschau, Leiter der Abteilung für Deutschlandforschung am Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Aus deutscher Sicht referierte Prof. Dr. Imanuel Geiss, Universität Bremen. Es moderierte Prof. Dr. Wolfgang Schlott, Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen.

Prof. Holzer sprach zu dem "ungeheuerlichen Vorgang" der im 20. Jahrhundert das ganze mittlere und östliche Europa umfasste. Er reflektierte das "doppelte Elend" von 50 bis 60 Millionen Menschen insgesamt, Polen, Deutschen, Tschechen, Ukrainern und Russen im besonderen. "Vertreibung als ein Teil der europäischen Tragödie des 20. Jahrhunderts" war sein Thema, das nach jahrzehntelanger Polemik gegen den polnischen Staat, vor allem durch Landsmannschaften, zu Wahlkämpfen missbraucht wurde. Er sprach gegen die These der kollektiven Schuld und für die These der kollektiven Verantwortung. Der jungen Generation vermittelte er damit die Botschaft, dass es darauf ankomme, wie und mit welcher Konsequenz mit dem Wissen darüber tagtäglich umgegangen wird. "Ich kann nur die Gegenwart verantworten".

Ein Unrecht in der Kette der Unrechte seit 1939 sei die Zwangsumsiedlung. Es war die Entscheidung der Sieger, die Vertreibung durchzusetzen. "Tragisch alles für Deutschland, aber nicht mehr tragisch als für alle anderen Europäer." Und jetzt ein "Mausoleum", ein "Museum", ein Monument für diese Millionen Menschen? Das isoliert diesen Teil der Tragödie, isoliert die Nation, die den Völkerhass verursacht hat.

Eine deutsch-polnische Annäherung aus deutscher Sicht an diese universelle Problematik entwickelte Prof. Dr. Imanuel Geiss, Universität Bremen, Historiker und Autor vieler Schriften zur Geschichte des Rassismus. "Einseitiges Moralisieren hilft nichts jenseits des Entsetzens über jede dieser Untaten, die historische Analyse kann es nicht nachträglich ungeschehen machen", sagte Prof. Geiss, "aber sie kann dazu beitragen, vergiftende Nachwirkungen bis heute zu heilen." Auch er benannte die "universale Asymmetrie" in der Beziehung zwischen Tätern und Opfern. Ihre historischen Erfahrungen und geostrategische Lage zwischen Deutschen und Russen erklären das langwirkende Trauma der Polen bis heute, als ihre politische Klasse, an der Schwelle zum Eintritt ins neue Europa, im zweiten Irakkrieg Partei für die USA ergriff.

Prof. Geiss wies im Längsschnitt durch die Geschichte nach, daß universell der "Transfer" (Deportationen) verfeindeter Bevölkerung "das Ergebnis beidseitiger Gewaltorgien war, in denen Gewalttaten nur der Gegenseite zählten". Totalitäre Systeme waren untrennbar mit Massakern und Genoziden verquickt, konzeptionell, personell und kontinuierlich: der Genozid des Judenmordes, das Gulag-System mit Massendeportationen, Deportationen der Tschetschenen aus Kaukasien, der Krimtataren, Esten, Letten, Litauer, 1945 Polen aus Ost-Polen ins westverschobene Nachkriegspolen, Deutschen aus dem sowjetisch annektierten Ostpreußen um Kaliningrad/Königsberg: alles waren ethnische Säuberungen, staatlich verordnet und exekutiert, mit barbarisch harten Bedingungen der Deportationen. Der Genozid als politische Konzeption wie historische Realität ist allerdings ein Monster der Neuzeit, der Holocaust unvergleichlich.

Friedliche und menschliche Zukunft für uns alle könne sich nur entwickeln, wenn es gelingt, den Teufelskreis wechselseitiger nationalstaatlich-neo-imperialer Ansprüche und Untaten endgültig konstruktiv zu durchbrechen. Jeder soll zunächst sachlich seine Untaten darstellen und mit den Opfern trauern, um danach der eigenen Opfer in Würde zu gedenken, damit es zu Ähnlichem nie wieder kommt.

In diesem Zusammenhang weisen wir Sie hin auf einen Offenen Brief von Angelica Schwall-Düren, Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband (Dialog-Heft Nr. 65).




Deutsch-Polnischer Chor Bremen sang in Berlin

Die gemeinsamen Auftritte der deutsch-polnischen Chöre Bremen und Berlin wurden vor Weihnachten in Berlin fortgesetzt. Diesmal traf man sich zusammen mit dem Kammerorchester der Lankwitzer Musikschule zu einem Adventskonzert in der voll besetzten Steglitzer Pauluskirche. Auf dem Programm standen u. a. Werke von Buxtehude, Gorczycki, Williams und Bortjanski, die von den Zuhörern mit großem Beifall aufgenommen wurden. Den Ausklang bildete der von Chören, Orchester und Publikum gemeinsam vorgetragene Kanon "Ehre sei Gott in der Höhe". Nach dem Konzert fanden sich alle Mitwirkenden zu einem Chorfest in der St.-Johannes-Gemeinde in Lichterfelde ein. Dabei boten sich den Chormitgliedern vielerlei Gelegenheiten zum Vertiefen alter und Knüpfen neuer Kontakte. Eine Stadtführung durch das alte Berlin beendete am nächsten Tag den Besuch, der von dem guten freundschaftlichen Verhältnis zwischen den beiden Chören geprägt war.




Und wieder einmal: Besuch aus Danzig

Gern wären sie im Mai gekommen, zu einer schöneren Jahreszeit, auch dann, wenn Polen Mitglied der EU wird: unsere Besucher aus Danzig, die Towarzystwo Polska-Niemcy Gdansk. Aus terminlichen Gründen ließ es sich nicht anders einrichten. Und so sind sie eben auch eher schon willkommen, nicht nur bei uns in der DPG, auch im Rathaus, wo Bürgermeister Henning Scherf sie begrüßen wird. Und die für die Städtepartnerschaften verantwortliche Referentin Frau Andrea Frohmader lässt es sich nicht nehmen, ihnen das Rathaus zu zeigen. Reinhold Stiering hat für sie ein Programm zusammen gestellt, das sie nicht nur ins Focke-Museum, zur Besichtigung eines großen Bremer Werkes führt, sondern neben vielem anderen auch zu einer Fahrt an die Nordsee einlädt. Die Danziger äußerten den Wunsch, das Wattenmeer kennen zu lernen. Selbstverständlich gehören Stadtrundfahrt und -spaziergang dazu, und die freien Tage kommen nicht zu kurz. Wer von den Bremer Freunden den Wunsch hat, ihnen "Dzien dobre" zu sagen: in der Zeit vom 18. bis 23. April werden sie in Bremen sein, im "Sporthotel Stadtwerder", Weg zum Krähenberg 21.




Bund der Deutschen Minderheit

Einer unserer treuesten Leser begleitet unsere Rundbriefe mit viel Interesse und auch interessanten Hinweisen. Er hat außerdem guten Kontakt zu vielen polnischen Bürgern deutscher Abstammung und nennt sich in seinen Schreiben an uns "Korlke ut de Ohrsche Eck". Es ist Herr Tepper aus dem ehemaligen Ohra, jetzt Orunia, also "Karl aus Ohra". Er bat uns nun, ob wir nicht einmal einen Hinweis auf den Bund der Deutschen Minderheit in Danzig geben könnten. Viele der deutschen Danziger hielten die Arbeit der DPG für wichtig und wertvoll und unterstützten die Bemühungen um friedliche, freundschaftliche Annäherung im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Umso mehr würden sie sich freuen, wenn Besucher aus Deutschland auch den Weg zu ihnen fänden. Sie sind auch zu Hilfeleistungen und Unterstützung jedweder Art bereit, so zum Beispiel bei der Beschaffung von Privatquartieren. Ihren Treffpunkt haben sie in Langfuhr:
Bund der Deutschen Minderheit in Danzig, ul. Warynskiego 36, 80-433 Gdansk, Tel. 058/3411427, Fax 058/3449352, Email: dfkdanzig@wp.pl, Internet: http://www.dfk-danzig.com




Weihnachten mit dem Präsidenten

Nun schon zum 14. Mal begingen die Danziger Deutschen gemeinsam das traditionelle Adventstreffen. Die wichtigste der diesjährigen Veranstaltungen fand am 17. Dezember statt, auf der der Danziger Stadtpräsident Pawel Adamowicz, der Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Danzig, Dr. Detlef von Berg, und Pfarrer Krzysztof Niedaltowski als Ehrengäste teilnahmen. Der Präsident der Stadt Danzig und seine Mitarbeiter sind gern bei diesen Adventstreffen dabei, lauschen den deutschen Weihnachtsliedern und finden an der familiären Atmosphäre Gefallen. Der Präsident sagte in seiner Dankesrede, dass er auch im nächsten Jahr auf eine solche Einladung zähle, die er gemeinsam mit seiner Gattin wahrnehmen wolle und für die er einen speziellen Auftritt in deutscher Sprache vorbereiten werde.




Jahreshauptversammlung unserer Gesellschaft

Am Mittwoch, dem 21. April, wird die diesjährige Jahreshauptversammlung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen im Janusz-Korczak-Haus am Osterdeich stattfinden. Die Versammlung wird um 19 Uhr beginnen und im wesentlichen von den Berichten des Vorstandes und des Schatzmeisters bestimmt sein. Aber auch Wahlen stehen in diesem Jahr an. Der Vorsitzende der Europa-Union Bremen, Dr. Hermann Kuhn, wird einen Vortrag halten über "Polen und Deutschland in der Europäischen Union".




Europas Jugend im Rathaus

Im Jahr des Beitritts Polens in die Europäische Union gewinnt eine Veranstaltung eine besondere Bedeutung, die nun schon zum wiederholten Mal im Rathaus stattfindet: "JugendMachtEuropa". Am Montag, dem 3. Mai, werden viele junge Menschen sich ein Stelldichein geben, tanzen, diskutieren, singen, fröhlich sein. Und das eine ganze Nacht lang! Neben anderen Organisationen wird unsere Gesellschaft mit einem Infostand vertreten sein, um für unser Nachbarland zu werben. Die Jugendband der deutsch-katholischen Mission wird sicherlich viele aufmerksame Zuhörer finden. Wer Gefallen an einem Besuch findet, ist nicht nur als Jugendlicher herzlich willkommen!




Danziger Museum in Lübeck

Das Museum "Haus Hansestadt Danzig" in Lübeck, Engelsgrube 66, hat sich die Sammlung, Bewahrung und Vermittlung des geschichtlichen und kulturellen Erbes Danzigs und der Danziger Region sowie die Kontaktpflege zu den heute in Danzig und im Danziger Raum lebenden Bürgern und bestehenden Institutionen zur Aufgabe gemacht. Mit dem Historischen Museum der Stadt Danzig besteht seit 1997 ein Partnerschaftsvertrag. Die Besonderheit des Museums besteht im Zusammenklang des äußeren Erscheinungsbildes mit der Darstellung im Innern. Das Gebäude wurde Ende des 13. Jahrhunderts im gotischen Stil erbaut. 1981/82 wurde es durch den Danziger Förderkreis, dem Eigentümer und Träger, umgebaut und restauriert.




Das sollten Sie lesen

"Das Mädchen mit dem roten Mantel" von Roma Ligocka.
Droemer Verlag München, 170 Seiten, 15 Euro.
Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste", in dem Roma Rogacka sich selbst als kleines Mädchen im roten Mantel wiedererkennt, gab den Anstoß für diese Autobiographie, die Einblicke in den Nachkriegs-Stalinismus in Polen und in die deutsche Nachkriegszeit gewährt.

"Kino Muza" von Artur Becker.
Hoffmann und Campe, Hamburg Herbst 2003, 336 Seiten, 22,90 Euro.
Mit diesem Roman beendet Artur Becker seine polnische Vergangenheitstrilogie. Er läßt Improvisationskünstler auftreten, Verlierer, Paten, die die Fäden von Filz und Korruption in Händen halten. Die Handlung ist stimmig, rasant erzählt und regelrecht spannend.





Groß war die Freude bei den Kindern in den Kinderheimen in Danzig, die von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen betreut werden. Die Mitglieder der Towarzystwo Polska-Niemcy Gdansk hatten viele Päckchen mit süßen Überraschungen vorbereitet, um am Nikolaustag die Kinder zu beschenken.

Groß war die Freude bei den Kindern in den Kinderheimen in Danzig, die von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen betreut werden. Die Mitglieder der Towarzystwo Polska-Niemcy Gdansk hatten viele Päckchen mit süßen Überraschungen vorbereitet, um am Nikolaustag die Kinder zu beschenken.





Verantwortlich: Reinhold Stiering, Brokmerländer Str. 12 - 28259 Bremen - Tel. 51 36 61 - Fax 51 43 663

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